Eine sechsköpfige Familie sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf Barhockern auf einer Strandpromenade. Sie schauen aufs Meer hinaus.
Bereitschaftserziehungsstellen: Immer mal eine/r mehr

02.02.2022

Als Bereitschaftserziehungsstelle zu arbeiten ist sowohl Freude geben wie auch Freude bekommen. Wenn in einer Familie aus unterschiedlichsten Gründen momentan alles anders läuft als gewollt und es deswegen nötig ist, dass das Jugendamt dann zum Wohle des Kindes vorrübergehend für das Kind einen anderen Ort sucht, sind die Bereitschaftserziehungsstellen (abgekürzt BEST) des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs Hanau gefragt.

Hier eine fiktive Beschreibung eines Aufenthaltes eines Kindes:
Freitags klingelt das Telefon der BEST. Kann ein 2,5-jähriges Kind mit ungeklärter Perspektive aufgenommen werden? Für die BEST-Familie bedeutet es, sich kurz zu besprechen, ob sie bereit ist, das Kind bei sich willkommen zu heißen. Die Entscheidung ist schnell getroffen, und alle vier Familienmitglieder werden ak­tiv. Das Bett wird bezogen, alters­gerechte Spielsachen hervorgeholt, Freunde angerufen, ob sie Kleidung in der notwendigen Größe leihen können, und dann geht es ins Kinderdorf nach Hanau. Dort findet nun das gemeinsame Aufnahmegespräch mit dem Jungen, seinem Vater, der Mitarbeiterin des Jugendamtes und der Teamleitung der BEST statt. Der wütende und zugleich traurige Vater kann beruhigt werden. Kontakt zur leiblichen Familie wird stattfinden, soweit er dem Jungen gut tut. Mit einem Kind mehr im Auto startet die Rückfahrt in die ländliche Ecke des MKK.

In den kommenden 14 Monaten wird in der BEST viel gelacht, geweint, entdeckt, gestritten. Der Junge erlebt vieles zum ersten Mal, er macht lange Spaziergänge, sitzt nicht mehr im Buggy, kann balancieren, erkennt viele Tierarten, schafft ein 30er Puzzle, besucht die Kita, trägt keine Windel mehr, war mit der BEST im Sommerurlaub am Meer, kann sich die medienfreie Zeit mit Rollenspielen, Gartenarbeit oder auch mal mit einem Buch vertreiben.

Alle Arbeit, die Zeit und die Nerven haben sich für den Jungen gelohnt! Seine Mutter war erst stationär, nun ambulant in einer Therapie, hat einen Arbeitsplatz gefunden und eine sozialpädagogische Familienhilfe zur Unterstützung. Der Vater hat seine Therapie abgebrochen und ist seit Monaten untergetaucht. Der Junge hat sich mit mehreren herzlichen Feiern von der BEST, deren Familie und seinen Kitafreunden verabschiedet, sein Köfferchen mit den letzten persönlichen Dingen gepackt und freut sich wie immer schon auf der Fahrt auf seine Mama. Heute bleibt er nach drei Wochen vieler Termine der Anbahnung zum ersten Mal über Nacht und hoffentlich dauerhaft bei seiner Mutter in Frankfurt. Die BEST atmet erst einmal tief durch, genießt ihre Familie und wartet auf das nächste Kind.

Wie muss man sich BEST ganz praktisch vorstellen?
Eine Person der Familie benötigt eine pädagogische Ausbildung und für das Kind ein Zimmer von 10 Qudaratmetern. Vor allem braucht es die Bereitschaft, ein Kind in den eigenen Haushalt aufzunehmen und dort rund um die Uhr zu betreuen, ohne zu wissen, wie lange das dauern wird. Wichtig sind darüber hinaus Spontaneität und Flexibilität, Bereitschaft für Neues, Reflexion, Toleranz und Interesse an kollegialem Austausch.

Für jeden Tag, den das Kind betreut wird, zahlt das Kinderdorf ein Honorar und zusätzlich einen festgelegten Betrag für die Versorgung des Kindes. Wir sind uns der herausfordernden Arbeit einer BEST bewusst und deswegen gibt es verpflichtend eine enge Zusammenarbeit mit der Teamleitung und Treffen mit allen anderen BEST sowie regelmäßige externe Supervisionen. Als permanentes Backup, besonders zu den Abend- und Nachtzeiten, steht das Team der Inobhutnahmegruppe den BEST zur Verfügung.

Die Betreuung eines Kindes ist eine Aufgabe, die – wie viele BEST – sagen „überwiegend einfach Spaß macht!“ Sie lernen immer neue Menschen und deren Lebensumstände kennen. Die eigene Familie bzw. das Zuhause der BEST bietet einen sicheren Rahmen, der einem „Gastkind“ zur Verfügung gestellt wird. Die BEST kann selbst entscheiden, in welchem Alter Kinder aufgenommen werden.

Dabei ist von allen Beteiligten für das Gastkind ein ganz üblicher Kinderalltag gewünscht. Das Kind soll sich bei der BEST und in deren Umfeld willkommen fühlen, dort alle der Entwicklung entsprechenden Angebote und Pflichten, wie zum Beispiel Kita-Besuch, einkaufen, Sportverein, Tischabräumen, Arztbesuche, duschen etc. wahrnehmen. Die Familie ist dann auf Zeit „einfach“ um eine Person größer.

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Bettina Wodtke

Autorin:
Bettina Wodtke, Teamleitung BEST im Albert-Schweitzer Kinderdorf Hanau. Sie begleitet seit 2012 die Bereitschaftserziehungsstellen des ASK und liebt die abwechslungsreiche Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Menschen. Sie ist Dipl.- Sozialarbeiterin, systemische Kinder-Jugend­lichentherapeutin und Mutter zweier Kinder.
www.ask-hessen.de

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